Sein Blick in die Ferne- Lebenswege 5/5 (1)

Diesen wundervollen Text von Sabine Birmann von MIT PFERDEN SEIN würde ich gerne mit euch teilen da er mich sehr berührt. So ist es auch mit Hunden und anderen Lebewesen. Ein geübter Beobachter kann viel mehr sehen als das äussere Erscheinungsbild. Das macht einen oft einfach sprachlos und oft auch traurig 🙁 Danke für diese so treffende Zusammenfassung.

Sein Blick in die Ferne … Lebenswege

Wenn das Leben anders verläuft, wie man sich das vorstellt, anders, wie es sich richtig anfühlen würde, was bleibt dann einem Wesen, einem Tier, einem Menschen?! Solange es uns nicht persönlich betrifft, verschwenden die meisten von uns kaum einen Gedanken daran, schon gar nicht an ein Wesen, das scheinbar sprachlos ist, das nur selten seine hörbare Stimme erhebt.
Ein Seminar beginnt. Die Pferde kommen rein und werden vorgestellt. Innerhalb von wenigen Minuten erzählen sie einem geübten Beobachter eine Geschichte, ihre Geschichte. Äußerlich mit ihren Körper – wie sie ausschauen, wie sie sich bewegen, wie sie sich verhalten. Ihren innerlichen Zustand erkennt man wiederum am Blick, an ihren Augen, an ihrer Ausstrahlung, ob sie stolz wirken oder gedeckelt, ob sie ein glückliches oder ein trauriges Leben bis dahin führen mussten, ob sie ihren Besitzer mögen, er ihnen gleichgültig ist oder sie ihn gar ablehnen, ob sie Kontakt oder zufrieden gelassen wollen, ob sie resigniert haben oder noch hoffen, ob sie heil sind oder versehrt. All das kann man sehen und auch fühlen in diesem Moment.
Ein Kurspferd betritt die kleine Halle und ich sehe seine Persönlichkeit, erkenne seine Würde aber auch, wie weit weg er ist. „Wieder eine Halle, wer weiß, was hier passiert“, scheint er zu sagen und beamt sich innerlich weg, zieht sich zurück in seine Welt. Er macht seine Arbeit, erwartet kein wirkliches Verständnis und scheint sich damit abgefunden zu haben, dass es eben so ist. Er mag seine Besitzerin, aber er gibt sich ihr nicht hin, ist für sich. Er zeigt, wer er ist, stolz, königlich, würdevoll, mit Energie, und vor allem, er hat sich selbst bewahrt. 26 Jahre, die Beine etwas verschlissen aber er sieht gut aus, er wurde geliebt aber dennoch benutzt. Das ist das Schicksal eines Pferdes, es hätte schlimmer kommen können. Sein Lebensweg ist stellvertretend für so viele. Vor über 20 Jahren sah ich ihn als junges Pferd. Manchmal erzählte unsere jetzige Einstellerin von ihm, denn ihr Pferd stand zu der Zeit im selben Stall. Damals, als junges Pferd, hat er sich noch gewehrt, sich verweigert, ist nicht von der Weide gekommen, zeigte seinen Unmut über die Lektionen, über das, was man so veranstaltet mit Pferden, wie es üblich ist, weil es fast jeder so macht. Es ist das Normale, weil Bekannte. Ja, er hat geredet, in seiner Sprache, wie Pferde das halt tun, immer wieder und wieder, bis er es aufgegeben hat, meistens. Damals war er noch „da“-den Blick nicht in die Ferne gerichtet.
Nun kommt er mit 26 Jahren in ein Seminar, wo man ihn sieht, seine Persönlichkeit, seine Vorlieben, seine Würde aber auch seinen Schmerz. Wo es nicht darum geht, zu funktionieren, Wünsche zu erfüllen, Perfektion oder den Ehrgeiz anderer zu befriedigen, sondern um Beziehung, Freundschaft, Liebe, Kommunikation, Gefühl- Nähe und Distanz, Festhalten und Loslassen, Wahrnehmen und Erkennen, Tun und Nichttun. Entwicklung dauert lange und ich bin froh, dass seine Besitzerin diesen Schritt noch gewagt hat, sich dem gestellt hat. Tränen fließen über das, was nicht mehr zu ändern ist. Doch genau in diesem Moment zeigt er ihr, dass er sie mag, wenn sie echt ist und legt sein Maul an ihre Wange, einen kurzen Moment, es ist sehr ergreifend. Trotz allem. Ob sie dran bleiben wird? Ich weiß es nicht, denn Mit Pferden sein.. zu beginnen tut oft weh, anfangs, aber schön wäre es, sie will, für ihr Pferd, aus Liebe. Doch ich lasse los, denn ein Kursleiter darf kein Missionar sein wollen, sondern kann nur einen Impuls geben. Gehen muss man schon allein.
Es gibt immer eine Chance, lieber spät als nie. Die Pferde halten mit uns soviel aus. Sie können ihren Besitzer nicht verlassen, es sei denn durch Krankheit und Tod. Sie sind wie Leibeigene und müssen ausharren, manche bei unzähligen Besitzern, konfrontiert mit ebenso unzähligen Egos und doch immer wieder bereit, uns anzunehmen, uns zu verzeihen. Oft schäme ich mich für unsere Spezies, die sich die Welt und ihre Bewohner untertan macht, untertan bis zur Zerstörung, die meint, so intelligent zu sein aber doch so wenig fühlt. Pferde sind eng mit uns verbunden , sie sind soziale Wesen wie wir, fühlen wie wir und sind oft von uns genauso fasziniert wie wir von ihnen. Degradieren wir sie nicht zu Befehlsempfängern und Erfüller unserer Wünsche und unserem Ego, sondern lassen wir eine echte Beziehung zu, in der sie uns den Spiegel vorhalten dürfen. Nur wenn wir dort hineinschauen ,ohne Wenn und Aber, können sie uns etwas lehren. Wer ist schon dort, wo manches Pferd mental ist? Im Hier und Jetzt, in seinem Gleichgewicht. Wer kann schon wirklich führen, wer ist so wachsam, wer „da“ wie ein Pferd? Wer hat schon diesen Stolz oder diese Würde mancher Pferde oder ist so nobel und sozial wie ein echtes Leitpferd?
Blicken Pferde nur noch in die Ferne, wenn sie mit uns zusammen sind, dann sind wir ihnen auch innerlich fern. Lichtjahre von dem, was sein könnte. Wer behält schon seine Würde wie dieses Pferd, wenn man sich sein ganzes Leben immer den Wünschen und Vorstellungen Anderer unterordnen musste? Mancher Mensch würde daran zerbrechen, wenn er immer nur funktionieren soll und hätte sein Schicksal so nicht angenommen. Hat ein Pferd so etwas wie Hoffnung? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. Nun ist er alt und Gott sei Dank hat er sich bewahrt, seine Würde, sich selbst, tief innen drin.
Möge er noch ein paar schöne Jahre haben und nicht mehr in die Ferne schauen, sondern aus seiner Welt herabsteigen, um seiner Besitzerin ein Lehrer zu sein, ihr etwas zu lehren:
Würde, Liebe und Hingabe

In diesem Sinne Sabine

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